Rezension: “Geächtet” feiert Premiere im kleinen Theater – Sven Grunert gibt dem arg gehypten Stück eine Tiefe, die es vielleicht gar nicht hat

Rezension: “Geächtet” feiert Premiere im kleinen Theater – Sven Grunert gibt dem arg gehypten Stück eine Tiefe, die es vielleicht gar nicht hat

Die „Zeit“ nannte es Anfang 2016 „das perfekte Drama für Deutschland nach der Kölner Silvesternacht“. Einige Monate später folgte die Wahl zum „besten ausländischen Stück des Jahres“. Inzwischen wird „Geächtet“ von Ayad Akhtar im deutschsprachigen Theaterraum rauf und runter gespielt – und zwar nicht irgendwo, sondern u.a. am Wiener Burgtheater, in München am Residenztheater … und jetzt auch am kleinen Theater Landshut. Intendant Sven Grunert hat das Stück inszeniert, übrigens seine letzte Regiearbeit im ersten 25-Jahres-Zyklus des Hauses. Freitagabend war Premiere.

Im Mittelpunkt steht Amir. Er ist Anwalt in New York, entstammt einer pakistanischen, muslimischen Familie, hat aber seinen Nachnamen aus Karrieregründen geändert. Vom Islam distanziert er sich, während seine Frau Emily, eine Malerin, sich sehr für islamische Kultur interessiert. In der Beschleunigungsphase des Stücks kommt ein jüdischer Galerist ins Spiel, und dann nehmen die Dinge schonungslos ihren Lauf – am Ende steht Amir ohne Job und Frau da, brutal zurückgeworfen auf sich selbst.

Sagen wir es so: Die vehemente Auseinandersetzung mit dem Islam verleiht dem Stück vor dem realen Hintergrund anno 2017 eine Wucht und phasenweise eine Wirkung, die kaum der handwerklichen Struktur oder dem textlichen Fundament geschuldet sind. Autor Akhtar hat „Geächtet“, was die Figuren und in Teilen auch die Story betrifft, tendenziell holzschnittartig angelegt. Wenn es im Theater so etwas wie einen Klischeealarmknopf gäbe – man müsste ihn an diesem Abend mehr als einmal drücken.





So weit, so mittelmäßig bedeutsam. Aber es gibt im kleinen Theater ja noch: den Regisseur, die Schauspieler und das Bühnenbild. Letzteres (von Helmut Stürmer) muss man einfach gesehen haben – punktum. Die Akteure: Stefan Lehnen in der Hauptrolle schlicht großartig (Getrampel vom Premierenpublikum), Louisa Stroux (Emily) sowieso in ihrer eigenen Schauspielliga, dazu Andreas Sigrist, Maja Elsenhans und Sven Hussock als ziemlich luxuriöse Besetzung der Nebenrollen.

Bleibt der Regisseur. Sven Grunert. Er gibt dem Stück eine Tiefe, die es vielleicht gar nicht hat. Er verdichtet die Dinge auf seine längst unvergleichliche Weise, und natürlich kommt ihm dabei die Intimität des kleinen Hauses fundamental zugute. Er definiert die entscheidenden Momente dieses Abends mit klinischer Präzision und kreativer Perfektion.

Man muss Grunert nicht a priori dafür loben , dieses Stück nach Landshut geholt zu haben. Aber man muss ihn dafür feiern, wie er es auf die Bühne gestellt hat. Die Inszenierung am kleinen Theater ist größer als das arg gehypte Stück. Viel größer.

Michael Stolzenberg

(Foto: Gianmarco Bresadola)

Kategorien: Aktuell, Kultur, Meinung

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